Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Aktionale – Das nackte Sein“ im VBK am 11. August 2010

Verehrte Künstlerinnen und Künstler, Mitglieder des VBK,

liebe Gäste,

 

auch wenn ich weiß, dass besonders für diejenigen, die Reinhard Bitter persönlich gekannt haben, heute ein schmerzlicher Moment ist und wir in Trauer an seinen plötzlichen Tod denken und uns seiner erinnern, möchte ich Sie alle sehr herzlich zur Eröffnung der Ausstellung Aktionale „ Das Nackte Sein“ hier in der Galerie des Vereins Berliner Künstler begrüßen.

Vielen Dank für die Einladung hier zu Ihnen zu sprechen, doch ich muss Ihnen gleich sagen, dass es für mich als Landespolitikerin nicht alltäglich ist, anlässlich einer Ausstellung zu sprechen, die sich mit dem Akt und der menschlichen Nacktheit befasst. Es ist wirklich etwas ganz besonderes!

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es schon lange keine Kunstausstellung zu diesem Thema in Berlin gegeben hat, an der man sich orientieren könnte und wo der eine oder andere Gedanke „abzukupfern“ gewesen wäre.

Wir haben es also mit einem ganz besonderen und ziemlich ungewöhnlichen Ereignis bei dieser Gruppenausstellung zu tun und dafür sei an dieser Stelle Arnika Große und Peter Schlangenbader schon einmal ganz besonders für ihre kuratorische Leistung gedankt. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass die Arbeiten, die hier zu sehen sind, nicht den nackten Menschen allein zeigen, sondern das Menschsein ganz grundsätzlich zum Thema haben und in vielfältigster Weise zum Ausdruck bringen.

Welche Bedeutung dem Akt in der Kunst beigemessen wird, mag dieses Zitat verdeutlichen:

„Der Akt in der Kunst ist Ver-Dichtung, Dichtung für die Kunst, eine ideologisch-funktionale Größe durch die das Alltägliche zum Ereignis, das Gewöhnliche zum Ungewöhnlichen, das Konkrete zum Allgemeinen, Bedeutendem wird. Aus dieser Sicht erfährt der Akt die Bestimmung seines Sinnes und mit ihm seiner Legitimation. Funktionslose Nacktheit in der Kunst ist belanglos und darum deplaziert“.

Ein ziemlich kühnes Zitat, das der Aktmalerei einen wichtigen Stellenwert in der Kunstgeschichte zuweist und zugleich den sexuellen Aspekt, der sich mit menschlicher Darstellung auch immer verbinden kann, grundsätzlich negiert.

Dieses Zitat habe fand ich in einem Buch in meinem Bücherregal, als ich mich ein wenig hilfesuchend unter meinen Buchbeständen umgesehen habe und fündig wurde. Es erklärt sich im Kontext seines Entstehens und doch fand ich es ganz passend für die Thematik undzugrunde liegende Idee für diese Ausstellung: Dank eines Onkels in der DDR, der mich als Westverwandtschaft mit Kunstbüchern versorgte, habe ich das Buch „Der Akt in der Kunst“, von Professor Gottfried Bammes, erschienen im Kunstverlag Leipzig 1975 gefunden. Manchen von Ihnen und den Teilnehmern des Kurses zur Aktdarstellung im VBK wird der Name vielleicht etwas sagen, weil er die Standardwerke über die Darstellungsweise der Anatomie des nackten Menschen verfasst hat.

Fakt ist, die Darstellung des nackten Menschen gibt es solange es Kunst gibt. Der menschliche Körpers hat Künstler seit alters her fasziniert und wie ein roter Faden zieht sich die Gestaltung des menschlichen Körpers von der Vorgeschichte bis zur zeitgenössischen Kunst.

Trotzdem waren mit dem Zurückdrängen der figürlichen Darstellung in der Kunstszene der vergangenen Jahrzehnte Akte fast schon wieder etwas Ungewöhnliches. Die Performance ist heute die häufigere Ausdrucksform für Körperlichkeit. Umso interessanter ist es, dass es ausgerechnet im VBK  seit langem Aktzeichenkurse gibt. Ein Beleg, dass das Thema für die einzelnen Künstlerinnen und Künstler wichtig ist, wenn auch weniger von Interesse auf dem Kunstmarkt. Aber da ändert sich möglicherweise gerade wieder und insofern ist mit dieser Ausstellung im VBK der Grundstein für einen neuen Trend gelegt.

Diese Ausstellung mit ihrer ungewöhnlich dichten Hängung zeigt wie grundsätzlich die Darstellung des Menschen als Projektion für gesellschaftlich Zustände geeignet ist. Es ist eine in ihrer Vielfalt sehr interessante Ausstellung geworden, die hoffentlich eine angemessene Aufmerksamkeit erfährt. Verdienst hat sie es in jedem Fall.

Allen Beteiligten sei auch von meiner Seite herzlich gedankt. Auch der wunderbare Katalog mit den Begleittexten ist sehens- und lesenswert. Halten Sie inne, betrachten Sie die Arbeiten, es wird Sie erfreuen und verstören, aber in jedem Fall faszinieren. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Alice Ströver